Ein Vater blickt zurück auf die Waldschulzeit seines Kindes…

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Im Jahr 1 nach der Waldschule

St. Martin2Am 13. November diesen Jahres war es wieder soweit. Leuchtende Kinderaugen konnten endlich die Kerzen und Lämpchen in ihren Tage und Wochen vorher gebastelten Laternen anzünden. An einem wärmenden Martinsfeuer versammelten sich alle Kinder der Klassen, ihre Eltern und Großeltern, die Lehrerinnen und Lehrer und alle Helfer. Diesmal sogar flankiert von der freiwilligen Feuerwehr Neureut.
Es war das Martinsfest mit Umzug der Waldschule, das alle diese Menschen zusammenbrachte.
Wie immer war es toll und mit Freude und Engagement vorbereitet worden.
Und doch: irgendetwas war ganz anders! Aber was? Ich kam nicht darauf. Erstmal. Es dauerte noch bis lang nach dem Umzug und den ersten Gesprächen mit anderen Eltern und den Lehrerinnen und unseren Kindern… DAS war es. Unsere großen Kinder waren auch da. Die, die nach den Sommerferien auf andere Schulen gingen, in die fünfte Klasse der X oder Y Schule.St. Martin1
Diese Kinder und darüber hinaus auch Sechst-, Siebt- und Achtklässler waren zu sehen. Sie alle kamen, wie selbstverständlich zu „ihrer“ Martinsfeier. Und dann wurde mir auch klar, warum ich hier war: nicht nur weil meine Tochter sich darüber freute und ich Gelegenheit hatte, mal wieder die eine oder den anderen zu sehen. Sondern, weil dieses Fest, diese Stimmung, diese Gemeinschaft, diese Menschen mein Leben und das meiner Tochter, unserer Kinder, mehr als begleitet haben.
An vielen Stellen wurde aus der Schule und der Begleitung, ein (fast) Zuhause und eine Prägung. Ein gutes Gefühl, dass sich besonders zu solchen Tagen wie dem 13. November wieder einstellt.
Und aus diesem Gedanken heraus entstanden Gespräche. Über die Zeit, die hier zur Vergangenheit gehört und doch die Zukunft geprägt hat. Teilweise auch die Grundlagen für diese Zukunft gelegt hat.
Schnell waren die Gespräche dann auch bei den aktuellen Ängsten und Gedanken, ob die neue Schule und die neuen KlassenkammeradInen, die Lehrer und die Art des Unterrichts, die Hausaufgaben, ob dies alles besser, schlechter oder nur anders ist.
An einem Punkt war ich mir allerdings sicher: eine der wichtigsten Dinge im (schulischen) Leben meiner Tochter war die Begegnung mit Frau Weißer und ihrer Lehrmethode.
Bis zur Einschulung 2011 hatte ich mir reichlich wenig Vorstellungen davon gemacht, wie der Unterricht und die Methoden rund 40 Jahre nach meiner Schulzeit aussahen. Und ich war sehr erstaunt, verunsichert, aber auch neugierig, als ich dann im ersten Elternabend „Montessori“ hörte.
Ach her je – und schon kam die Welle der undeutlichen, wagen, halbwissenden Vorurteile über mich. Schnell mal googeln, schnell ein Buch besorgen. Oder besser: schnell mal den Bekannten fragen.
Alles war (im Nachhinein betrachtet) einfach der falsche Weg. Der einzig richtige wäre gewesen, mit Frau Weißer ein informatives Gespräch zu führen. Ihre Methodik, Montessori in Ansätzen in den Schulalltag einfließen zu lassen, möchte ich als „den sanften Weg“ bezeichnen. Im Sport kennen wir diese Bezeichnung – „Judo“ steht genau dafür. Und so, wie in diesem Sport nicht mit Gewalt sondern mit dem Nutzen der Bewegung, des Flusses der Energien und der individuellen Stärken trainiert wir, so stellte sich und stellt sich der Unterricht bei Frau Weißer dar: die individuellen Stärken der Kinder kennen und nutzen. In Freiarbeit sich selbst finden lassen und dabei die KlassenkammeradInnen auf Entdeckungstouren mitnehmen. Vom Wissensdrang anderer anstecken lassen und selber Mittelpunkt interessanter Entdeckungen sein. Dabei verlor sich keines der Kinder, die ich kennengelernt habe, sondern wurde im Unterricht und der Gemeinschaft bei seinen Schwächen unterstützt und gefördert. Ohne Strafen und Belohnung (naja, fast ohne Belohnung).
Was ist geblieben: Heute, in einem eher klassischen Lehrrahmen und verstärktem Frontalunterricht, zehrt unsere Tochter (und vermutlich auch viele andere) von ihrem, in den vier Jahren gelernten Lernverhalten. Sie ist selbständig(er) und nimmt sich der neuen Aufgaben gerne und offen an.
Danke an Frau Weißer, die es versteht, den Weg zwischen den Extremen zu gehen. Danke an Frau Haag, die den Rahmen dazu schafft. Danke an alle, die „unsere“ Waldschule jeden Tag zu dem Ort machen, an den wir auch Jahre später, selbst als Eltern, gerne wieder zurückkommen.

P.S.: Und keine Geschichte über die Waldschule ohne ausdrückliches Danke an Herrn Solorz!

(Thomas Kuhle)

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Kommentar der Rektorin, Karin Haag:

Zu diesem sehr offenen und herzlichen Elternbrief als Beitrag für unsere homepage möchte ich gerne einen Kommentar als Schulleiterin der Waldschule abgeben.
Dieser Brief erreichte uns im November nach der sehr stimmungsvollen und wunderschönen Martinsfeier, zu deren Gelingen der Elternbeirat durch die bewährte und hervorragend organisierte Bewirtung beigetragen hatte.
Hier spricht Herr Kuhle uns aus dem Herzen, auch was die Pflege der Schulgemeinschaft anbelangt.
In diesem Sinne seien heute schon die Ehemaligen der Waldschule im November 2016 herzlich eingeladen.
Im 2. Teil seines Briefes schildert Herr Kuhle seine Erfahrungen als Vater über die Schulzeit seiner Tochter an der Waldschule.
Da hier auch von „Montessori“ und „modernen Lehrmethoden“ die Rede ist, möchte ich vonseiten der Schulleitung aus einige Dinge klären, damit keine Irritationen und Missverständnisse entstehen :
1. Die Waldschule ist eine staatliche Halbtagsschule und arbeitet nach dem Bildungsplan des Landes Baden-Württemberg.

2. Wir haben kein Montessori-Profil, wie einige andere Grundschulen in Karlsruhe, daher auch keine Montessori-Klasse.

3. Das „Montessori-Diplom“ ist eine pädagogische Zusatzausbildung, die berufs- oder studienbegleitend absolviert werden kann. Einige unserer Lehrkräfte haben dieses Diplom.

4. Maria Montessori war eine Reformpädagogin des letzten Jahrhunderts, die auf das handlungsorientierte, selbsttätig und selbstentdeckende Lernen gesetzt hat und Materialien entwickelte, die dies möglich macht.
„Hilf mir es selbst zu tun“ ist ein sehr bekanntes Zitat aus ihren Schriften.
Diese didaktisch-methodischen Prinzipien sind inzwischen zu pädagogischem Allgemeingut geworden und Ziel jedes guten Unterrichtes.

Einige Materialien davon werden heute als Begleitmaterial zu „ganz normalen“ Lehrwerken angeboten.

5. Es gab noch weitere Reformpädagogen im 20. Jahrhundert, deren Methoden, Materialien und Unterrichtsorganisation Einzug in die Methodenvielfalt des heutigen modernen Unterrichtens Einzug fand, wie Freiarbeit, Wochenplan, usw.

6. Alle unsere Lehrkräfte arbeiten nach dem Bildungsplan der Grundschule, Baden-Württemberg. Innerhalb diesem gibt es Gestaltungsspielräume, unterschiedliche Schwerpunkte können gesetzt und aus einer Vielfalt an Methoden kann ausgewählt werden. Welche Materialien, Methoden und Organisationsformen im Unterricht Anwendung finden fällt in die pädagogische Verantwortung der Lehrkraft, die im Fachbereich, der Gesamtlehrerkonferenz und dem Schulcurriculum abgestimmt werden.

Bei inhaltlichen Fragen wenden Sie sich bitte auch an die Lehrkräfte und die Schulleitung.
Karin Haag, Rektorin